Zu Besuch bei Volker Sassenberg

Ende Januar 2014: Angekommen im idyllischen Fröndenberg, wo sich Volker Sassenbergs Tonstudio befindet. Nach einer kurzen Führung durch die „heiligen Hallen“, in denen unter anderem die Hörspielserien Gabriel Burns und Point Whitmark entstehen, sitzen wir zusammen im Studio. Es ist warm, es gibt Kaffee, Volker Sassenberg hat viel Zeit mitgebracht. Ideale Voraussetzungen für ein Interview:

Wie fing’s denn mit den Hörspielen bei dir an?
Also, ich hab ja als Kind schon diesen „Knall“ gehabt, und immer alles was mit Krimi und Grusel zu tun hatte, gut gefunden. Mein erstes „Die drei ???“ – Buch habe ich in der dritten Klasse gelesen.
Eigentlich komme ich ja von der Musik, und eigentlich war das ein fließender Übergang zu Hörspielen. Ich habe zwischendurch auf Anfragen auch mal Werbung produziert. So habe ich auch viel mit professionellen Sprechern zu tun gehabt, mit denen ich teilweise heute noch gerne arbeite. Ich hatte viel Spaß an Musik- und Sprachproduktionen, und da drängte es sich irgendwann ja fast schon auf, mal Hörspiele zu machen. Ja, und bei einer Produktion mit Kinderliedern und Sprachaufnahmen hatte ich irgendwann mal Sven Plate im Studio. Und irgendwann, nach zirka einem Jahr, rief ich den dann nochmal an, mit der Idee zu einer Serie. Das war der Beginn von Point Whitmark, das war etwa 1999.
Mein Gedanke bei der Entstehung von Point Whitmark war: Vielleicht kann man das Ganze ja ein bisschen filmischer und aufregender machen, als man es damals gewohnt war.

Wie ging es dir, als nach so langer Pause klar war, dass es nun mit „Gabriel Burns“ weitergehen kann? Hast du jemals daran gedacht, alles hinzuschmeißen?
Natürlich ging´s mir da gut. Wir haben jetzt mit Sony Music einen neuen Vertrieb. Und wir sind genau so gut aufgestellt wie vorher.
Sowohl Point Whitmark als auch Gabriel Burns sind ja auf ihre Art sehr erfolgreich. Und das vor allem deswegen, weil so viel Herzblut und Arbeit da drin steckt, allein wenn man an die Entstehung und Überarbeitung der Drehbücher denkt.

Anfang der 2000er Jahre gab es neben Gabriel Burns ja einige hochkarätige Produktionen verschiedener Labels, von denen viele nicht lange am Markt überlebt haben. Woran glaubst du, lag das? Zu wenige Käufer? Fehlender Glaube an das Produkt von Seiten der Labels?
Eines ist sicher: Bei fast allen Produktionen gibt es einen begrenzten Kreis von Leuten, die das haben wollen. Der Kreis wird nicht größer, der wird, etwa durch illegale Downloadportale, immer kleiner. Und es ist nicht so wie bei einer Musikproduktion wo dann, wenn es mal läuft, eben auch richtig Geld reinkommt. Vielleicht haben solche großen Produktionen dann einfach nicht funktioniert, weil sie zu teuer produziert waren. Wir hier können das ja auch nur zu unseren Kosten machen, weil ich letzten Endes meine Zeit nicht berechne. Ich mache das aus Spaß und Interesse. Schön ist, wenn dann am Schluss noch was bei raus kommt. Aber mein Geld verdiene ich woanders, da mache ich dann lieber zum Beispiel ein paar Werbespots.
Aber ich mache Hörspiele sehr gern und habe auch viele gute Leute um mich rum, etwa unseren Grafiker Ingo Masjoshusmann, den ich seit der Schulzeit kenne, oder Andreas Gloge.

War denn bei Gabriel Burns von Beginn an klar, dass es so was episches werden soll?
Naja, das ist ja schon ein verrücktes Ding. Wir hatten glaube ich am Anfang einen Vertrag über 14 Folgen. Und irgendwann stellt sich dann die Frage: Erreichen wir die 14 Folgen überhaupt? Und deshalb als Antwort zu der Frage, wie man sowas konzeptioniert: Keine Ahnung! (lacht).

Als Fan ist man ja immer auf neue Antworten gespannt. Gibt es denn dann wenigstens in deinem Kopf so eine Art Masterplan, wo du mit der Serie hin willst?
Es gibt eine Frage, die hinter all dem steckt. Aber die kann ich natürlich jetzt hier nicht stellen (lacht).
Aber die werden wir in nicht all zu ferner Zukunft auch tatsächlich mal stellen, die wird sich langsam manifestieren. Diese Frage wird das Ganze wahrscheinlich auf eine andere Ebene stellen, als wir uns Geschichten und Erzählungen gemeinhin vorstellen.
Als kleiner Tipp vielleicht auch die Frage:
Wenn wir über übernatürliche Phänomene oder Mystik reden, wie kommen wir eigentlich auf die „ulkige“ Vorstellung, dass uns das Kreuz dabei weiterhilft?

Ja,….
Denn wenn das Böse mit christlichen Elementen vertrieben werden kann, was ist das für eine unglaubliche Überheblichkeit? Dass wir unsere christliche Liturgie mit dem Guten gleichsetzen, obwohl wir ja selber denken, wir sind aufgeklärt? Das bringt uns schon ein kleines bisschen in diese neue Sichtweise.

Bei mir ist es ja mittlerweile so: Mir geht es weniger um das große Ganze, sondern viel mehr um den Trip, das jeweils einzelne neue Abenteuer. Was ich halt gut an der Serie finde ist, dass man immer mit allem und sowohl mit positiven als auch negativen Überraschungen rechnen muss.
Eine Serie zu machen ist auch unheimlich schwierig, zumal wenn man das normale Serienkonzept auch mal verlassen will.

Besteht da aber nicht die Gefahr, dass man sich zu sehr verheddert in zu vielen Storysträngen mit zu vielen Haupt- und Nebenfiguren?
Das mag vielleicht bei der ein oder anderen der zuletzt erschienenen Folgen so scheinen, hat aber auch mit der zeitlichen Verzögerung zu tun. Wären die Folgen früher erschienen, wäre das insgesamt auch schlüssiger geworden. Und mit den kommenden vier Folgen (42 – 45) haben wir jetzt auch einen aktuellen Handlungsstrang, der in einem durchgeht.
Und was den Trip betrifft:
Ich kann immer nur arbeiten, wenn ich Bilder im Kopf habe. Und mein Spaß liegt natürlich auch darin, solche Bilder zu erschaffen. Und solche Bilder hinterlassen eben oft nichts konkretes, sondern überlassen dir als Hörer auch viel für deine Phantasie. Und das finde ich toll. Man fühlt sich fast ein bisschen wie Kafka oder Dalí. (lacht)
Und wir versuchen auch immer, dass die Bilder etwas eigenständiges haben, dass es sich immer ein bisschen anders anfühlt als das, was man vielleicht schon irgendwann vorher mal gesehen oder gehört hat.
Und ich glaube, das ist ein Stück weit auch das, was die Leute von uns haben möchten. Die möchten ja gar nicht unbedingt wissen, wie es ausgeht, die möchten, dass wir sie permanent und immer wieder überraschen.
Die Auflösung bei uns wird auch nicht aus irgendwelchen profanen Dingen bestehen.
Es wird eher so sein, dass der Hörer sich irgendwann mit bestimmten Fragestellungen beschäftigen wird, über die er so vielleicht noch nie nachgedacht hat.
Wir arbeiten ja auch viel mit tatsächlichen Phänomenen, etwa die „grauhaarigen Kinder“. Das gibt es wirklich. Oder es gibt etwa in Rumänien immer mehr Waisenkinder, von denen keiner weiß, wo die eigentlich alle herkommen.
Wir nehmen also einerseits die fiktionale Ebene, bieten ein paar mögliche kausale Zusammenhänge an und verknüpfen das mit unseren eigenen Fragestellungen.
Warum zum Beispiel sind wir der Meinung, dass eine geweihte Silberkugel einen Dämon tötet?
Warum wird das Christentum auf die gleiche Stelle gesetzt wie das Gute? Ist das nicht ein bisschen überheblich? Wer definiert eigentlich, was gut und was böse ist? Und welche Konflikte entstehen daraus? Das finde ich sehr spannend. Und solche Fragen finde ich spannender als Weg zur „Auflösung“ einer Serie, als wenn jetzt zum Beispiel der Held am Ende aufwacht und merkt: „Ach, ich hab ja alles nur geträumt.“ (lacht)

Mal eine Frage zu den Aufnahmen: Nimmst du Sprecher einzeln oder im Ensemble auf?
Wir machen fast alles einzeln. Jay, Tom und Derek nehmen wir ab und zu mal zusammen auf. Es ist halt unheimlich schwierig, Sprecher gemeinsam ins Studio zu bekommen, weil die alle so viel zu tun haben.

Wenn es um die Geräusche und Effekte für aufwändige Szenen geht, hast du dann immer gleich im Kopf, wie das klingen muss?
Nein, aber gerade was die Geräusche und die Musik angeht, haben wir natürlich in den letzten Jahren unglaublich viel Material aufgenommen und gesammelt, auch vieles, das wir noch gar nicht verwendet haben.
Außerdem kümmert sich mein Kollege Marc Sander um die Geräusche, was ich auch gut finde, weil ja gerade die Kombinationen aus verschiedenen Ideen und Geschmäckern immer wieder etwas neues entstehen lassen.

Wie zeitaufwändig ist die Produktion einer Folge oder einer Staffel?
Schwer zu sagen, weil wir ja immer gleichzeitig an mehreren Folgen und Serien arbeiten.
Wir kommen ja nie in die Situation, nur eine Folge zu machen, denn immer sobald wir eine rausgebracht haben, heißt es gleich wieder: „Ist ja eine Unverschämtheit, dass nur so wenig Folgen kommen!“ (lacht)
Man kann es einfach nie allen recht machen. Treibt man den Handlungsstrang voran, heißt es: „Macht doch mal wieder was anderes.“ Oder bei Point Whitmark: „Das spielt ja immer nur außerhalb. Macht doch mal wieder eine Geschichte im Ort.“
Macht man dann aber wieder eine im Ort, wollen die Leute wieder Geschichten, die woanders spielen.
Aber solange sich noch jemand darüber aufregt, interessiert man sich ja noch dafür.
Nur wenn es zu persönlich wird, trifft es mich schon sehr. Ich habe zum Bespiel letztens auf Amazon zwei Kritiken zu unserem Soundtrack Livrare Opt gelesen. Da hieß es etwa, dass es eine Unverschämtheit wäre, dafür noch Geld zu nehmen und das in die offizielle Serie aufgenommen wird und so weiter.
Ich hab da eine Message zu, vor allen Dingen an die, die jeden Mittag ohne Probleme 10 oder 13 Euro bei Mc Donald´s für irgend eine Scheiße ausgeben. Meine Nachricht an die ist:
Wir geben uns eine derartige Mühe, es ist ein enormer Aufwand, so einen Soundtrack zu produzieren. Ihr macht euch gar kein Bild davon. Dass der Soundtrack in die Serie aufgenommen wurde, ist vor allem eine Wertschätzung derer, die daran mitgearbeitet haben, insbesondere an Matthias Günthert, der dadurch auch eine Würdigung seiner Arbeit erfährt.
Und das alles findet in einem preislichen Rahmen statt, der weit unterhalb dessen liegt, was sich manche Leute da regelmäßig an Burgern reinhauen.
Und über so geistloses Gelaber habe ich mich sehr, sehr geärgert. Solche Leute haben wirklich keine Ahnung, wie viel Arbeit hinter so einem Soundtrack steckt. Noch dazu, weil wir es nicht machen wie manch andere Hörspielproduzenten. Wir bedienen uns nicht bei irgend welchen Archiven. Es ist alles für die Serie und die jeweilige Stimmung komponiert, mit riesigem Aufwand.

War es eigentlich schwierig, den Song „Here comes the flood“ von Peter Gabriel für die Folge „Weiss“ verwenden zu dürfen?
Wir haben damals eine Vereinbarung mit Peter Gabriels persönlichem Assistenten getroffen. Der hat uns da den Weg geebnet. Das Witzigste war, dass er uns dann irgendwann schrieb, er hätte unsere Version eines Tages Peter Gabriel zur Freigabe vorgelegt, und der hätte wohl im ersten Moment gar nicht geschnallt, dass das ein Cover war. (lacht)

Warum habt ihr aus den Büchern nicht auch Hörspiele gemacht?
Naja, man hätte ja aus jedem Buch, schon wegen des umfangreichen Stoffes, drei bis vier Hörspiele machen müssen. Außerdem hat es mich sehr gereizt, auch mal Hörbücher zu machen. Das wollte ich einfach mal ausprobieren. Ich arbeite auch gern mit Engelbert von Nordhausen zusammen.
Darüber hinaus möchte ich immer auch gern ein bisschen variieren. Dabei werden wir auch bleiben, es gibt schon weitere Ideen für zukünftige Projekte.

Wird es denn irgendwas abseits von Hörspielen geben? Neue Bücher? Angebote im Internet?
Von Büchern ist im Moment nicht die Rede. Wir denken über verschiedene Dinge nach. Momentan bin ich erst mal damit beschäftigt, die alten Folgen in einer neuen Auflage wieder zu veröffentlichen. Die werden dann auch einen gewissen Mehrwert haben.

Aha. Director´s Cuts? Outtakes? Aufkleber?
Also Outtakes fände ich affig, gerade bei Gabriel Burns. Nein, es geht erst mal um so Sachen wie die neue Verpackung, und dass die alten Sachen auch wieder verfügbar werden. Und auch darum, dass der Wechsel von Universal zu uns dann auch endgültig vollzogen ist.

Wird es mit Abseits der Wege weitergehen?
Ja, aber das wird noch einen Moment dauern. Heinz Ostermann, der Erzähler, ist ja leider gestorben. Wir haben zwar schon viel aufgenommen, aber ich will erst mal die Sache mit der Neuveröffentlichung von Gabriel Burns über die Bühne kriegen. Und dann werden wir sehen.

Hörst du selbst andere Produktionen? Gibt es Kontakt zu anderen Hörspielmachern?
Ich höre selbst relativ wenig Hörspiele. Ich habe aber immer Hochachtung vor allen, die es schaffen, über lange Zeit auf dem Hörspielmarkt zu bestehen. Ich bin nicht neidisch, oder so.
Was ich manchmal ein bisschen blöd finde ist, wenn wir mit anderen Serien verglichen werden. Viele von denen können sicher mehr Output produzieren, aber die schreiben ja die Stoffe nicht. Das sind meistens Adaptionen.
Wir auf jeden Fall planen nicht, in Zukunft noch eine weitere Sherlock-Holmes-Serie zu machen. Da hätte ich keinen Spaß dran.

Lieber Volker, vielen Dank für das Gespräch.

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