Der Herr der Ringe

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Anfang der 1990er Jahre erschien das damals aufwändigste Hörspielprojekt der deutschen Rundfunkgeschichte. Mit einem Budget von 750.000 Mark, besetzt mit über 60 Sprechern und unterlegt mit der Musik Peter Zwetkoffs, hat der Hörverlag das Hörspiel aus Anlass des 125. Geburtstags J.R.R. Tolkiens als Sonderedition auf zwei MP3-CDs wiederveröffentlicht.

Und was für ein wunderbares Hörspiel das ist!
Freunde des Romans mögen zwar manche Kürzung bekritteln, und wer Peter Jacksons martialische Filmtrilogie im Kopf hat, wird vielleicht mit der blumigen Erzählweise des Hörspiels nicht so viel anfangen können.

Ich allerdings, der das Hörspiel noch vor dem Buch kennenlernen durfte, war von Beginn an vollends versunken in der Welt der Hobbits, Elfen und Orks.
Ich besaß das Hörspiel seinerzeit noch in der Erstauflage auf 15 Doppel-MCs (!), was mich einen Großteil meines sauer ersparten Taschengelds gekostet hat.

Gleich zu Beginn lernen wir Bilbo Beutlin und Gandalf kennen, gesprochen von Klaus Herm (Prof. Dr. Dr. Dr. van Dusen) und dem aus vielen Hörspielen bekannten Manfred Steffen.
Bilbo weigert sich vor seiner Abreise, den Zauberring seinem Neffen Frodo (Matthias Haase) zu überlassen, und so werden wir und alle Neulinge noch einmal Zeuge von Bilbos abenteuerlichem Ringfund.

Somit erlebt jeder Hörspielliebhaber auch gleich in den ersten Minuten des Hörspiels einen absoluten Höhepunkt dieser Ausnahmeproduktion, nämlich den Auftritt des Monsters Gollum, dargeboten in einer Jahrhundertperformance von dem 2011 verstorbenen Dietmar Mues (Jack The Ripper – Die Geschichte eines Mörders).
In dieser und in so vielen weiteren Sequenzen ist ist sie dann auch spürbar: eine unvergleichlich intensive Atmosphäre, die zu jener vordigitalen Hörspielzeit der 1990er Jahre noch mit wenig Computergedöns, dafür aber mit dem gekonnten Zusammenspiel aus Musik, Schauspielkunst und dezent gesetzten Soundeffekten erzeugt wurde.

So hält Bilbos gefährliche und magische Reise durch Mittelerde viele wunderbar anzuhörende Momente bereit, etwa den Auftritt Tom Bombadils (Peter Ehrlich) oder die erste Begegnung mit den Elfen, unterlegt mit traumhaft schönen Melodien. Ein beinahe kontemplatives, märchenhaftes Hörerlebnis, bei dem so manche Bedrohung einfach weggesungen wird.

Aber auch dramatische Szenen, wie die schicksalhafte Schlacht um die Festung Minas Tirith, werden eindrucksvoll akustisch dargestellt. Hier werden neben Geräuscheffekten für Schlachtengetümmel und Waffengeklirr auch immer wieder Instrumente und allerlei Schlagwerk eingesetzt, um das Hörerlebnis intensiver zu gestalten.

Kritik meinerseits gibt es allenfalls bei der Sprecherwahl, denn mancher der Beteiligten klingt etwas zu alt für seine Rolle. Außerdem fällt auf, dass man viele der frühen Kapitel des Romans sehr ausführlich verhörspielt hat, während spätere Ereignisse in der Hörspieladaption nicht berücksichtigt wurden. Besonders ärgerlich ist das am Ende des Hörspiels, das etwa das wichtige abschließende Romankapitel „Die grauen Anfurten“ einfach außer Acht lässt.

Schade fand ich auch, dass man dieser Edition nicht den interessanten Werkstattbericht angefügt hat, der in den ersten Auflagen auf MC und CD noch zu hören war.

Trotz dieser abschließenden Kritikpunkte bleibt Der Herr der Ringe aber eine absolute Ausnahmeproduktion in der Geschichte des deutschen Radiohörspiels, die jeder Hörspielliebhaber im Regal haben sollte und die für immer einen vorderen Platz in meiner ewigen Hörspielbestenliste haben wird.

Weitere Infos gibt es hier!

2 Replies to “Der Herr der Ringe”

  1. Gab es bei der MC-Auflage wirklich den Werkstattbericht?
    Ich habe die 15 Kassetten Ausgabe, aber da ist nichts drauf. Gibt es eine Auflage mit 16 Kassetten?

    Viele Grüße
    Nils

  2. Hallo,

    ich hatte die erste Auflage auf MC (Cover mit Caspar-David-Friedrich-Motiv). Da war auf der letzten MC der Werkstattbericht enthalten.
    VG
    der markus

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