10 Fragen an Kai Schwind (Hörspielregisseur, Autor und Sprecher)

Kai Schwind ist Medienwissenschaftler, Journalist und Autor. Hörspielfans ist er unter anderem durch seine Mitwirkung bei der Hörspiel-Parodie Die Ferienbande bekannt, die sich auf amüsante Art und Weise dem Hörspielkult der 80er Jahre widmet. Zuletzt ist beim Label Lauscherlounge sein Hörspiel Das Lufer Haus erschienen.

1. Wie kam dir die Idee zu Das Lufer Haus?
Die ersten Skizzen zu der Geschichte habe ich bereits vor ungefähr 5 Jahren gemacht und die backstories zu den Expeditionsteilnehmern entwickelt. Erst etwas später war mir klar, dass das Hörspiel im Dokumentar-Stil am besten funktionieren würde. Ich fand es reizvoll, sich sowohl beim Schreiben als auch bei der Umsetzung beschränken zu müssen. Keine Musik, kein Erzähler, keine künstlichen Soundeffekte. Ein bisschen wie bei den Dogma-Filmen.

Ausserdem wollte ich gerne auch mal andere Geschichten erzählen, also nicht nur im Comedy- oder Jugendkrimibereich, in dem ich bis dahin hauptsächlich gearbeitet hatte. Ich finde es hoch spannend, sich mit dem Thema Angst zu beschäftigen; sowohl mit der eigenen, aber auch was im Allgemeinen Angst und Schauer bewirkt. Ich finde, dass das Erzeugen von Grusel, Angst oder Unbehagen im akustischen Bereich – besonders im Medium Hörspiel – bisher recht einseitig funktioniert hat. Ich wollte mal etwas anderes versuchen.

2. Gibt es ein Haus oder eine echte historische Begebenheit, das/die dafür Pate stand?
Ja. In der paranormalen Forschung gibt es einen sehr bekannten Fall, nämlich das sogenannte Spukhaus von Stans. Dort lebte im 19. Jahrhundert ein Anwalt mit seiner Familie, die von einem sehr fiesen Spuk heimgesucht wurden. Er hat darüber sehr genau Tagebuch geführt. Dieses Tagebuch sowie der Schauplatz „Schweiz“ waren die Inspiration für die Geschichte um die Familie Bergmann in unserem Hörspiel. Das Spukhaus in Stans wurde übrigens 2010 abgerissen. Es gibt allerdings einen sehr interessanten Dokumentarfilm von Volker Anding über das Haus und seine Geschichte

3. Wie unterschied sich die Aufnahme von Das Lufer Haus etwa zur Aufnahme eines Ferienbande-Hörspiels?
In so ziemlich jeder Hinsicht ;-) Das Besondere am Lufer Haus ist, dass man heutzutage im kommerziellen Hörspielbereich so gut wie nie die Möglichkeit hat, alle Sprecher gemeinsam aufzunehmen, und schon gar nicht „on location“. (Die Ausnahme sind natürlich die großen Produktionen der Radioanstalten). Uns war von Anfang an klar, dass wir die besondere Atmosphäre des Lufer Hauses nur „vor Ort“, also in einem echten Gebäude und mit dem ganzen Ensemble, erzeugen würden können. Also haben wir 5 Tage in einem verfallenen Gebäudekomplex in Brandenburg aufgenommen und nicht nur der Sound, sondern auch das Zusammenspiel der Sprecher waren eine wirklich „Ohren öffnende“ Erfahrung für alle. Alle waren sich einig, das man eigentlich nur noch so Hörspiel machen sollte.

kai schwind4. Wie war die Arbeit für die und mit den beteiligten Schauspielern? Kamen sie von Beginn an mit dem dokumentarischen Stil zurecht?
Es war sehr spannend, weil die Vorbereitungszeit so gut wie nicht vorhanden war. Wir kannten uns alle überhaupt nicht und sind gemeinsam ins kalte Wasser gesprungen. Wir haben ja mit Absicht weniger „bekannte“ Stimmen ausgewählt und teilweise auch Schauspieler, die tatsächlich noch nie vorher im Hörspiel gearbeitet hatten. Das war  bei den vielen langen Takes und durchchoreographierten Szenen sehr von Nutzen, denn das Ensemble war wirklich mit dem ganzen Körper dabei. Wir haben schon auch improvisiert, aber wahrscheinlich weniger als man denkt. In vielen Szenen ist jede Reaktion, jedes Atmen, jede Bewegung geprobt. Wenn ich ehrlich bin, bin ich nicht sicher, ob alle im Ensemble wirklich genau verstanden haben, was wir da eigentlich machen – zumindest nicht gleich am ersten Tag. Das wurde allen erst Schritt für Schritt klar. Es waren aber alle mit einer (im wahrsten Sinne des Wortes) „unheimlichen“ Spielfreude zu Gange und das war wirklich sehr inspirierend. Besonders erwähnen muss ich an dieser Stelle Uve Teschner (Rolle: Thomas Laufer), der nach zwei drei Durchläufen seinen Text auswendig gespielt hat. Das war sehr beeindruckend.

5. Bist du selbst Fan von Found-Footage-Filmen?
Nicht in dem Sinne, dass ich alles, wo „found footage“ (oder „mockumentary“) draufsteht, automatisch toll finde. Es gibt da wie in jedem anderen Genre gute und schlechte Produktionen.  Mir persönlich gefallen vor allem die Stoffe, wo das dargestellte Szenario in sich schlüssig präsentiert wird und die Schauspieler so authentisch wie möglich wirken (damit meine ich nicht unbedingt, dass es absolut „echt“ oder „lebensnah“ performt sein muss). Ich mag das Blair Witch Project und auch die Paranormal Activity Filme, aber auch einen japanischen Horrorfilm namens Noroi – The Curse. Im Science Fiction Genre hat Cloverfield  recht gut funktioniert, aber auch im Comedy Bereich kann der dokumentarische Stil sehr effektiv sein, einfach weil er den Weg auf die Performance frei macht, siehe Stromberg oder Curb Your Enthusiasm.

Das Grundproblem dieses Genres ist oft, dass die Motivation für die Figuren, weiter zu dokumentieren – auch wenn um sie herum das blanke Entsetzen herrscht – immer plausibel bleiben muss, sonst fällt das Szenario zusammen und die Geschichte wird unglaubwürdig. Also, wieso halten die noch mit der Kamera drauf, obwohl ein Dämon auf sie zukommt? Das haben wir bei uns mit dem Forschungsauftrag der Expedition gelöst. Die sind im Haus, um zu dokumentieren und wollen gar nicht weg – zumindest zunächst nicht.

Mir ist klar, dass dieses Genre sehr polarisiert – ein Teil des Publikums ist genervt von dieser Unklarheit  „Was ist real? Was nicht?“. Ich glaube, dass man den „Realismus“-Begriff nicht bis in die letzte Konsequenz wörtlich nehmen sollte. Das Genre ist auch ein Spiel damit, was wir als real oder authentisch wahrnehmen. Ich wollte beim Lufer Haus mit dem Hörer dadurch eine Art Kontrakt eingehen, der besagt: Ich verspreche euch, ich werde euch nicht mit unheimlicher Musik manipulieren oder mit billigen lauten Soundeffekten erschrecken. Der Horror und der Schauer entstehen hier subtiler, oft in den Zwischentönen und durch die Geschichte, die sich langsam entfaltet.

6. Und wie steht es mit deinem Glauben an das Übernatürliche?
Ich „glaube“ nicht ans Übernatürliche, aber ich weiß, dass es Dinge und Vorgänge gibt, die wir uns derzeit noch nicht erklären können. Außerdem glaube ich an die Macht der Psyche und Fantasie. Man kann sich, durch die entsprechenden Voraussetzungen angetriggert, durchaus in Angst und Hysterie reinsteigern, so dass man tatsächlich von übernatürlichen Phänomenen überzeugt ist. Ich habe da also eine gesunde Skepsis, muss allerdings gestehen, dass mich das Thema schon immer fasziniert hat und vor allem eine Begegnung sehr beeindruckt hat. Ich war in Schottland unterwegs und hatte die Gelegenheit mit einem „echten“ paranormalen Forscher zu sprechen. Der hat mir lange und ausführlich erklärt, wie er und seine Kollegen arbeiten und was für Erlebnisse sie dabei hatten. So habe ich mich auch zum ersten Mal richtig mit den Tonbandstimmen, den EVPs, beschäftigt. Da ist sehr viel Mumpitz dabei, aber es gab auch absolut haarsträubende Beispiele, die ich mir bis heute nicht erklären kann.

7. Das letzte Abenteuer der Ferienbande endet dramatisch für Bernd, Bröckchen, Babsi und Baul. Wie wird es mit der Serie weitergehen?
Da sind wir uns selbst noch nicht ganz sicher. Es gibt ein paar interessante Ideen, was mit der Bande demnächst auf CD passieren könnte, aber wir sind noch zu keinem endgültigen Ergebnis gekommen. Wir haben aber tatsächlich unterschätzt, wie populär diese Nervensägen tatsächlich bei den Fans sind und auch wieviel Spass wir selbst bei den Produktionen haben. Man muss eben nur aufpassen, dass es nicht langweilig wird, weil man sich permanent wiederholt – wobei das ja bei der Ferienbande ein bisschen auch zur Methode gehört ;-)

8. Wie schätzt du den Hörspielmarkt momentan insgesamt ein? Hat das Medium eine Zukunft?
Tja, das ist wirklich sehr spannend, derzeit. Es hat ja nach dem Boom Ende der 90er Jahre – durch das Gründen von vielen kleineren Labels und das Organisieren der Fans im Internet – in den letzten Jahren eine Ernüchterung und regelrechte Marktreinigung stattgefunden. Man hat gemerkt, dass Hörspielproduktionen, wenn sie richtig gut sein sollen, einfach zu teuer sind und ihre Produktionskosten nicht mehr reinholen. Das ist natürlich bitter. Umso wichtiger ist es, die Produktionen und Labels zu unterstützen, die am Ball bleiben und weiterhin in gute Hörspiele investieren. Das „Star-System“, das man auch beim Hörspiel und Hörbuch beobachten kann (Mit der deutschen Stimme von… etc) ist mir persönlich zwar ein bisschen suspekt, aber eigentlich eine gute Sache, weil sie das Publikum binden.

Das Medium hat absolut eine Zukunft, wenn vielleicht auch eine „nischige“. In jedem Fall liegt sie im Internet. Hörspiele wird man mehr und mehr als Downloads bekommen und sie werden online als Podcasts etc stattfinden. Ausserdem glaube ich, dass im Bereich Live-Hörspiel noch einiges geht, weil es „Bühne“ und „Hörspiel“ so spannend verbindet. Ich habe in dem Bereich ja auch schon gearbeitet und finde das wirklich sehr sehr spannend, was man da alles machen kann.

9. Auf welche Projekte von dir dürfen wir uns als nächstes freuen?
Ich arbeite derzeit an einigen Sachen über die ich leider noch nichts sagen darf (diesen Satz bitte mit versnobbt, wichtigtuerischer Stimme lesen). Ich werde allerdings dieses Jahr ein paar interessante Live Projekte realisieren. Zum einen eine inszenierte Lesung mit Andreas Fröhlich. Er wird aus dem Roman Yesterday des norwegischen Autors Lars Saabye Christensen lesen. Da geht es um eine Jungsfreundschaft im Oslo der 60er Jahre und die Beatles. Das versuchen wir mal ganz anders aufzuziehen, und zwar sehr „audio-visuell“. Die Show findet am 31. Mai im Beatlemania Museum in Hamburg statt. Hoffentlich folgen dann noch mehr Termine. Und Anfang Juni gehen wir noch mal mit der Ferienbande auf Tour. Da geben wir bald die Termine bekannt.

10. Noch ein paar abschließende Worte an deine Fans und Hörer?
Natürlich ein ganz grosses und herzliches Dankeschön für all die Unterstützung und das Interesse, und das ich so viele unterschiedliche Sachen machen darf. Und dann hoffe ich, dass die Hörbuch- und Hörspielfans auch weiterhin bereit sind, für die Produktionen zu bezahlen und das illegale Downloaden und Filesharing sein lassen. Jeder Euro ist eine Investition in die Zukunft des Mediums.

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